Hingucker

Freitag, 28. Januar 2011

Alle schieben Zuckerberg.


Die Sorge, nicht mehr Schritt zu halten

Vielleicht wird es eine noch intensivere Version jenes Internets sein, in dem ich schon lebe, wo ich von Zahnarztwerbung verfolgt und unablässig aufgefordert werde, meine eigenen Bücher zu kaufen. Oder vielleicht wird das ganze Internet einfach eine Art Facebook sein - gespielt fröhlich, gespielt freundlich, ichbezogen, unaufrichtig. Aus all diesen Gründen bin ich nur zwei Monate bei Facebook geblieben. Der Ausstieg ist, wie bei jeder Droge, viel schwerer als der Einstieg. Dauernd schwankte ich in meiner Meinung. Facebook ist die größte Ablenkung, die ich kenne, und genau darum fand ich es gut. Vielen Menschen dürfte es ähnlich gehen. Bestimmte Verfahren der Arbeitsvermeidung sind anstrengend - Rauchen, Essen, Telefonieren -, und die Zeit vergeht dabei auch nicht besonders schnell. Bei Facebook vergingen Stunden, Nachmittage, ganze Tage wie im Flug.
Als ich dann beschloss, endgültig aufzuhören, stand ich vor der Frage, die alle beschäftigt: Wird man tatsächlich entfernt? Ein für allemal? Auch Matt Lauer wollte das in der „Today Show“ von Zuckerberg wissen, aber weil er nie zuhört, gab er sich mit der Antwort zufrieden - „Ja, also, keine einzige Information wird weitergegeben“ - und stellte die nächste Frage.
Man will ja in Bezug auf die eigene Generation optimistisch sein. Man will mit den anderen Schritt halten und nicht Sorge haben, etwas nicht mehr zu verstehen. Anders gesagt, wenn man sich in ihrer Welt nicht ganz wohl fühlt, möchte man gute Gründe dafür haben. Der Computerpionier Jaron Lanier, der den Begriff der virtuellen Realität eingeführt hat, gehört nicht zu meiner Generation (er ist 1960 geboren), aber er kennt und versteht uns. Er hat ein überaus fundiertes Buch geschrieben, „You Are Not a Gadget“ (Deutsch: „Warum die Zukunft uns noch braucht“), das genau meine Besorgnis zum Ausdruck bringt.
Lanier geht der Frage nach, warum Menschen „sich selbst reduzieren“, um ein möglichst zutreffendes Computerprofil von sich zu haben. „Informationssysteme“, so Lanier, „benötigen Informationen, wenn sie funktionieren sollen, doch in der Information ist die Realität unterrepräsentiert.“ Es gibt kein vollkommenes Computerprofil eines Menschen. In der Realität ist uns das klar, aber sobald wir online sind, vergessen wir es. Auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken wird das Leben zu einem Datenbestand. Lanier sieht darin eine Herabsetzung, die auf einem philosophischen Irrtum beruht - „dem Glauben nämlich, Computer seien in der Lage, das menschliche Denken oder zwischenmenschliche Beziehungen abzubilden. Zumindest heute können Computer das jedoch nicht.“ 

"„The Social Network“ ist nicht das gnadenlose Porträt einer realen Person namens Mark Zuckerberg. Es ist ein gnadenloses Porträt von uns, von 500 Millionen lebendigen Menschen, die in der Gedankenwelt eines unbekümmerten jungen Harvard-Studenten gefangen sind."

Auszüge aus FAZ

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