Hingucker

Freitag, 22. April 2011

Durchsichtig.

Der Mann in der Scheibe ist Anfang Zwanzig. Er drückt seine Beine an den Vordersitz ran. In der linken Hand ein aufgeschlagenes Buch. Strobo von Airen. Rechts glühende Zigarette. Aufgeschürfte Fingerknöchel, weil die Bandage verrutscht ist. Er zieht gierig an seiner Kippe... renovierungsbedürftige Häuser. Eine alte Frau mit zwei Eimern Wasser. Drei Schulkinder, sie winken. Armut. Kreuzung. Ein bellender Hund. Park. Schule. Sonne. 
Kleine Rauchringe prallen auf die Scheibe. Er antwortet, flucht und legt das Buch zur Seite. Er schließt die Augen... Kinderzimmer. Freunde. Menschen, die fehlen, weil sie immer fehlen, wenn sie nicht anwesend sind. Zuhause. Mütterliche Backe, die mehr Wärme gibt als alle Heizkörper zusammen. See. Zuhause. Circa 140 Tage.
"Raus, wir sind da!" - ich mach die Kippe aus und schaue mir dabei nicht zu.

Mittwoch, 20. April 2011

Schatten sein bis zum Get-No!

Ich denke über mein Leben nach und hinterfrage im nächsten Augenblick mein Dasein. Die Wirklichkeit ist dreist genug, mich zwei Mal innerhalb kürzester Zeit dem Tod gegenüberzustellen. Es ist kaum zu glauben, wie viele Fragmente eines bescheidenen Lebens mit einem Atemzug vor die Augen springen können, in der Hoffnung, von dem ICE des Wahnsinns überfahren zu werden. "Deine Pupillen waren größer als mein Arschloch" - scherzt er, als wir beide sicher sind. Nach der Landung merke ich erst, wie krass ich zittere. Meine Beine fühlen sich wie 2 vom Teufel ferngesteuerte Gummiprothesen an. Ich setze mich hin und zünde mir eine an. Mit dem ersten Zug wird mir bewusst, in was für einer abgefuckten Situation ich mir vor wenigen Minuten befunden habe. Nach dem Letzten stehe ich noch immer etwas benebelt auf. Glück, pures Glück - sage ich mir ganz leise. Hätten wir unsere Karabiner nicht miteinander verbunden, würde meine Obduktion auf einem Felsen stattfinden. Ich besuche ihn. Er sitzt oben ohne auf dem Boden, weint und zeigt mir, ohne den Kopf zu heben, Richtung Tür. "Ich verwette mein  Arschloch, dass deine Tränen nach Angst schmecken... komm zu mir, wenn du darüber reden willst" - kriegt er zu noch zu hören. Ich gehe raus, denke über mein Leben nach und hinterfrage mein Dasein.